Die Verwandlung der Ökologie

Das Thema Umwelt/Ökologie beschäftigt mich schon länger. Ich interessierte mich mehr dafür, als ich noch das Gymnasium in den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts besuchte. Damals stieß ich auch zum ersten Mal in meinem leserlichen Herumwandern auf das Wort „Ökologie“, meist als Adjektiv „ökologisch“. Meine Lieblingslektüren waren damals noch die von Jack London und Hermann Hesse – von Schriftstellern, die mir seitdem in meinem Gedächtnis verbunden geblieben sind, obwohl sie wahrscheinlich nichts miteinander zu tun haben, außer, dass sie beide ihre Werke im 20. Jahrhundert schrieben. Ich meinerseits habe, gemäß der vagen Vorstellung, die ich unter dem Einfluss dieser Literatur erworben habe, dieses „Ökologische“ spontan in erster Linie als einen subversiven Gedanken verstanden, der sich gegen die moderne, industrielle, entmenschlichende, technische Zivilisation richtet, die einerseits die bezaubernde „Wilderness“ zerstört und andererseits auch die Menschenseele.

Das Lesen der Lektüre „Schöne neue Welt“ hat diese Vorstellung weiter gefestigt und meine Sympathie für dieses Mysterium verstärkt. Was ich hier und da über die Aktionen von Greenpeace hörte, weckte in mir Ehrfurcht. Die Rede von „Mutter Erde“, woher sie auch immer kam (ich hatte die Quellen damals nicht überprüft), neckte stark und unerbittlich eine gewisse pseudo-religiöse Sensibilität oder einen Instinkt in mir, der zum Guten oder Schlechten oder beidem mein Erleben der Welt prägte.

Im Laufe der Zeit und durch die Lektüren einiger anderer Autoren, die eher anarchistisch ausgerichtet waren, kamen in mir jedoch Zweifel über den wahren Charakter der Ökologie auf. Mich hat der unangenehme Gedanke gestochen, dass die Ökologie, sowohl in ihrer Praxis als auch in ihrer Theorie, keine Kraft ist, die gegen die erwähnte Zivilisation wirkt, sondern im Gegenteil mit ihr einhergeht. Und wie es bei unangenehmen Gedanken so üblich ist, wurde meine Besessenheit mit dieser Frage von mir stärker und unerbittlicher, je mehr ich versuchte, sie zu unterdrücken. Aber irgendwann schienen meine Bemühungen in dieser Hinsicht Früchte zu tragen.

Dieser entscheidende Moment, der jahrelang andauerte, kam dank meiner Bekanntschaft mit dem Werk von Bruno Latour. Bruno Latour, der Philosoph und Soziologe, den ich in meinem letzten Buch als „Vater des neuen ökologischen Denkens“ bezeichnet habe und der meiner Meinung nach immer noch diesen Titel verdient, ist in der Tat nicht nur im streng ökologischen „Diskurs“, sondern auch in der neueren Philosophie und Soziologie im Allgemeinen eine Ausnahme . Diese Außergewöhnlichkeit rührt in erster Linie von dem her, was ich am liebsten als die Eleganz des Denkens bezeichnen würde. Bei intensiver Lektüre und Übersetzung der Texte der zeitgenössischen Philosophie und der „Geisteswissenschaften“ in den letzten zwanzig Jahren fällt mir auf, dass das zeitgenössische Denken, wenn überhaupt von etwas, dann von Stillosigkeit geprägt ist.

Ich wage sogar zu behaupten, dass ab Gilles Deleuze alle Philosophen und „Humanisten“ mehr oder weniger gleich schreiben. Sie produzieren das, was ich Universitätsliteratur nenne. Alles, was sie schreiben ist innerhalb der Grenzen der vorgeschriebenen und präskriptiven Wissenschaft. Natürlich ist es ein Urteil, das keinen überzeugenden, geschweige denn autoritativen Wert hat, denn es ist das Urteil eines Menschen, der sowohl Philosophie als auch Wissenschaft als eine Art Literatur liest.

Aber gerade in dieser rein „subjektiven“ kritischen Optik erweist sich Bruno Latours Denken als ganz anders und frisch und neu und anregend, also stilistisch besonders. Denn im Kern dieser Optik und heute bereits fossilisierten kritischen Tradition ist Stil nicht in erster Linie eine ästhetische Kategorie.

Sondern eine anthropologische und ethische Kategorie. „Stil ist der Mensch selbst“ oder „der ganze Mensch“, sagte einer der Begründer dieser Tradition, Graf Buffon. Was Latour betrifft, so unterscheidet sich bzw. unterschied sich seine Denkweise über Wissenschaft, aber auch über Politik und Gesellschaft im Allgemeinen so sehr – oder genauer gesagt – von der Art und Weise, wie die meisten heutigen Experten aktuelle und weniger aktuelle Themen betrachten und bildet einen der wertvollsten und permanentesten Beiträge dazu, was vom freien, lebendigen, ungehorsamen europäischen Denken übrig geblieben ist.

Aber leider ist dieser Beitrag, wie im letzten Satz angedeutet, etwas, über das es sich lohnt, in der Vergangenheitsform zu sprechen. Denn Latours Denken hat in den letzten fünfzehn Jahren eine radikale Wandlung durchgemacht – und das zum Schlechten.

Das heißt, immer weiter weg vom wahren „Denken-Schreiben“ und immer näher an der Universitätsliteratur. Ich habe hier nicht die Gelegenheit, einen umfassenderen Überblick über diesen abweichenden Weg zu geben, aber er zeigt sich nach dem Gesagten am deutlichsten, weniger in seinen Schlängelungen und Verzweigungen als in seiner allgemeinen Richtung.

Zusammengefasst und vereinfacht ausgedrückt war der Weg Latours ein Weg, der von einer Kritik an dem, was der Autor einst den „Mythos der Wissenschaft“ nannte, ausging und sich immer mehr in Richtung der Verteidigung bewegte, die der Autor immer noch „Techno-Wissenschaften“ nennt.

Und eine Logik, die von einer breiten und reichen Vision der Ökologie als etwas mit Gedankenfreiheit und Demokratie mit dem Erbe der französischen Aufklärung ausging und sich in einer verdrehten und diskret eleganten Weise bewegte, aber dennoch spürbar, sich immer mehr in Richtung einer oberflächlichen und dogmatischen Ökologie von heute begab.

Das alles hat verständlicherweise mit der Corona-Krise weitgehend einen neuen Aspekt und eine neue Bedeutung bekommen. In der Latour von Anfang an versprochen hat, sich als jemand zu zeigen, der viel zu sagen hat. Und tatsächlich hatte er viel zu sagen. Aber er fing bald an, es so zu sagen, dass die beschriebene Richtung zu offensichtlich wurde, um nicht mehr ignoriert zu werden. Es ist allzu offensichtlich geworden, dass er, indem er viel Wichtiges sagt, auch viel Wichtiges auslässt und dass sein öffentliches Sprechen auf diesem Schweigen basiert.

Das wurde irgendwann so offensichtlich, dass ich beschloss, mich an Latour selbst zu wenden und ihn um eine Erklärung zu bitten. Der Eitelkeit der hervorragendsten Intellektuellen bewusst, begann ich sanft und rücksichtsvoll, präsentierte mich als begeisterter Übersetzer seiner Texte, als Sympathisant und sogar als Anhänger, der seine kritischen Fragen in Lobreden und Paraphrasen tarnte. Aber vergeblich antwortete mir der angesehene Professor nicht, und ich kam zu dem Schluss, dass er Wichtigeres zu tun hatte und wusste zudem, dass er an Krebs litt. Daher beschloss ich, aufzugeben.

Das Problem trat jedoch auf, als ich ihm, entgegen meiner Entscheidung und von einem unwiderstehlichen Stich gestochen, kurz darauf eine E-Mail schrieb, in der ich auf seine aktuelle Interpretation von Kafkas Verwandlung reagierte, die er im Internet während des Lockdowns veröffentlichte. Ich empfand seine Interpretation nämlich als zutiefst falsch, trügerisch und sogar skandalös.

Meine Reaktion war sehr heftig. Ich gebe zu, ich habe die Worte nicht gewählt. Ich finde es nämlich schwer zu ertragen, wenn sich jemand ungebeten anmaßt, Kafka zu kommentieren. Und vor allem, wenn dieser Jemand ein  Universitätsprofessor ist und auch der neo-szientistischen Religion angehört. Kurzum, ich habe Latour eingeladen, mit mir eine öffentliche Debatte darüber zu führen. Daraufhin antwortete er mir, indem er mich mit „lieber Freund“ ansprach, aber erklärte, dass „er nicht einsieht, warum er diese Polemik beginnen sollte.“

Soweit ich seinen lakonischen Äußerungen entnehmen konnte, hielt er „sein Sterben an Krebs“ und seine originelle Interpretation der berühmten Geschichte, die, wie er sagt, die Leser berührt, für eine ausreichende Rechtfertigung für seinen Klatsch über Kafka.

Also beschloss ich eindeutig, wieder den Mund zu halten. Aber wie der Teufel es wollte, fing er darauf an, in Interviews auf verschiedenen sehr gesehenen Sendern und Plattformen (nicht wie jemand, der zu sehr an Krebs stirbt)  noch größeren Unsinn über alles und jedes, einschließlich Literatur und Religion, zu plappern und kehrte damit zu „meinem Interessen-Feld“ zurück. Deshalb fühlte ich mich verpflichtet, ihm, da ich schon die Gelegenheit hatte, noch ein paar längere E-Mails zu schreiben.

Und wieder muss ich zugeben, dass ich nicht wirklich auf die Wortwahl geachtet habe. Als mir endlich klar wurde, dass ich vielleicht übertrieben hatte, entschuldigte ich mich für meine freie Rede und beendete – so dachte ich – meine größtenteils Monologkorrespondenz in einem versöhnlichen Ton. Aber auch hier stellte sich meine Meinung als falsch heraus.

Zu meiner Überraschung und aus für mich immer noch unverständlichen Gründen (vielleicht aus Unkenntnis der Spam-Blockierungsmöglichkeit?) antwortete mir mein Korrespondent gerade in einer kurzen E-Mail, in der er mich immer noch mit einem höflichen „cher ami“ ansprach. Er schrieb, dass „er nicht verstehe, warum ich ihm diese Briefe schreibe, wer ihm schreibt und an wen sie gerichtet sind“ [sic] und wie „er sich doch freuen würde, wenn er mir einige Frage beantworten könnte“.

In der Erkenntnis, dass der Mann meine E-Mails, gelinde gesagt, nur flüchtig gelesen hatte, weil alles darin voller sehr klarer Fragen war und ich mich ihm in jeder von ihnen vorgestellt hatte, habe ich beschlossen, ihm erneut eine Hauptfrage bzw. eine komplexere Frage und eine Unterfrage zu stellen. Und wie erwartet, habe ich darauf keine Antwort erhalten.

Diese Fragen lauteten kurzgefasst:

1. Sind Sie der Meinung, dass „Technowissenschaften“ eine Rolle bei der Verursachung und Verschärfung der Klimakrise hatten bzw. immer noch haben?  Wenn Sie das wenigstens in gewisser Weise zugeben, warum sind dann Wissenschaft und Wissenschaftler (ausgenommen der „Klimaskeptiker“) von ihrer Kritik ausgenommen? Sind Sie sich der Tatsache bewusst, dass Sie mit diesem Ausschluss den Anschein erwecken, dass Sie jegliche Verantwortung für die Krise auf politische und wirtschaftliche Akteure legen und dass Sie auch selbst zu denen gehören, die laut ihren eigenen Worten Wissenschaft weiterhin als „heiliges Kalb“ betrachten? Oder meinen Sie, wie es mir scheint, dass „Technowissenschaften“  das uns einzig übrig gebliebene Mittel sind, mit dem wir die „Klimakrise“ unter Kontrolle bringen können? Sind diese ihrer Meinung nach unser einziges Schicksal? Ist es in diesem Fall für Sie gerechtfertigt, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass das „Neue Klimaregime“ auf einer rein wissenschaftlichen Basis fußen sollte? Was die Kunst, die Sie in den letzten Jahren neben der Wissenschaft als wichtige Kraft bei der Schaffung dieses neuen experimentellen Kollektivs hervorheben, angeht, können Sie mir verneinen, dass diese Kunst heutzutage völlig wissenschaftlich bzw. sie völlig wissenschaftlichen Zielen unterworfen ist? Was den Typus von Sozialismus betrifft, für den Sie sich einsetzten (Sozialdemokratie oder etwas Ähnliches), können Sie verneinen, dass auch er völlig von der Entwicklung und Praxis der „Technowissenschaften“ abhängt? Bleibt denn im Licht der aktuellen Geschehnisse in der Corona-Krise irgendein Teil des menschlichen Lebens außerhalb der Reichweite der Wissenschaft? Wenn das nicht der Fall ist, würde ich gerne wissen, wie sich die heutige Wissenschaft von dem unterscheidet, was Sie einst den „Mythos der Wissenschaft“ nannten?

2. Im Falle, dass Sie keine Zeit/Lust haben, sich mit solchen Komplexitäten zu beschäftigen:  Sind Sie sich dessen bewusst, dass das „Neue Klimaregime“, für das Sie sich einsetzten, einige Leute (einschließlich den Schreiber dieser Zeilen) unwiderstehlich an das Kollektiv, das in Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ beschrieben ist, erinnert?

***   

Obwohl es Zynikern anders erscheinen mag, hatte ich nicht die Absicht, Latour zu verunglimpfen und sich an ihm „zu rächen“. Ich tat dies auch nicht, um, wie einige in den USA vielleicht meinen, meine schmerzliche Enttäuschung über die Ökologie als solche auszudrücken. Was Latour betrifft, so halte ich ihn immer noch für ehrlich und für einen aufrichtigen Intellektuellen, mehr noch für einen wahren Nachfolger von A. N. Whitehead und einen der wenigen lebenden Philosophen, die es wirklich wert sind, gelesen zu werden.

Was meine Einstellung zur Ökologie en général betrifft, so ist dieser jugendliche Zweifel in mir trotz meiner Sympathien nie ganz verschwunden und ich bin glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt der Versuchung erlegen, ihr mein Herz zu schenken.

Von großer Enttäuschung à l’américaine kann also keine Rede sein. Der Grund, warum ich meine Abenteuer mit Latour in einem Artikel über Ökologie darstelle, ist einfach und scheint mir ziemlich klar.

Ich tat dies, weil sein Fall am besten zeigt, was aus ökologischem Denken geworden ist. Die Erkenntnis, zu der ich insbesondere durch das Studium von Latour gekommen bin, gerade weil er der Beste aus dieser Schule „des neuen ökologischen Denkens“ ist, ist, dass sie sich größtenteils ins eigene Gegenteil verkehrt hat. Sie hat sich in ein Un-Denken oder gar Gegen-Denken verwandelt. Dadurch, dass sie ihr Denkprinzip verloren hat, verwandelt sich die Ökologie immer mehr in reinste Technik, ein privilegiertes Mittel für die Implementierung einer neuen globalen technokratischen Ordnung, deren antidemokratischer und antihumanistischer Charakter größtenteils noch von einem Propaganda-Schleier umhüllt ist. Aber der, da bin ich mir sicher, sich mit der Zeit unweigerlich zeigen wird.

Autor: Marko-Marija Gregorić (Ersterscheinung in kroatischer Sprache auf der Internetseite nemo casopis im Juni 2021)

Übersetzung: Natali Tabak Gregorić

Lektur: Dana Jungbluth

(Bildnachweis: Pexels)

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