Schweigsame Skorpione

Nie vergesse ich die Nacht, in der ich im Badezimmer einen Skorpion ganz behutsam mit einem Glas und einer Pappunterlage einfing.

Völlig aggressiv hantierte er mit seinen Greifzangen. Der arme, kleine Kerl bäumte sich gar regelrecht auf und klackerte mit Zangen und Schwanz ganz aufgeregt gegen die dicke Glaswand. Es wirkte fast wie ein winziges Teufelchen, das mir drohend mit erhobenen Fäusten in die Augen schaute, um mir klarzumachen, mit wem ich es hier zu tun hatte. Durchaus eingeschüchtert von diesen Drohgebärden, zeitgleich ein wenig amüsiert darüber, ihn jedoch ernstnehmend, entließ ich den sonderbaren Freund sorgsam in die Freiheit. Auch ein Skorpion verdient schließlich Liebe und Fürsorge. Natürlich unter Berücksichtigung seines Stachels und seiner Zangen. Die sind nun mal an ihm dran. Ein Schutzschild, das sich das kleine, interessante Tierchen ob seiner ebenfalls vorhandenen Verletzlichkeit vorhält. Oder auch, um seine Beute zu erlegen. Das gilt es, herauszufinden. Kein Ding also für jedermann.

Der Skorpion ist stets gewappnet. Ob zum Angriff oder zur Verteidigung. Flink ist er und nicht zu unterschätzen. Wenig verwunderlich also, dass dieses Tierchen bei den meisten Menschen nicht allzu beliebt ist, wenngleich es auch oft bewundert wird. Reizvoll! Aber undurchschaubar. Man weiß nicht, ist er gefährlich oder letztlich doch von der harmlosen Sorte. Zu kompliziert also. Er scheint sich in der Kategorie „nett für die Welt, für niemanden aber die Welt“ zu befinden. Ein Einzelgänger eben, der einfach nicht weiß, wann es Zeit ist, aufzuhören. Der Skorpion besagter Nacht fuchtelte mir immerhin gefühlt noch mit seinen Scheren hinterher, als ich mich schon längst umgedreht und die Straßenseite wieder gewechselt hatte. Ja, selbst ich wollte ihn möglichst weit weg wissen. Zur Sicherheit.

Ein spezielles Tier, das sich wahrscheinlich ständig verarscht vorkommt, zeigt die Mehrheit doch stets großes Interesse an ihm, um aber, sobald er seine Werkzeuge auch nur bewegt, vor ihm wegzurennen. Wie mag das wirken auf ein Lebewesen, das einfach so ist wie es ist? Man wird es nicht ändern, vielleicht aber mit ihm umgehen, es akzeptieren und in der Königsliga sogar zähmen können. Aber wer ist schon ein König? Das weiß nur der Skorpion, was ihn wiederum tatsächlich nicht einfach macht.

Eine Sache jedoch macht den Skorpion zu einem zuverlässigen Weggefährten. Er bleibt sich selbst stets treu. Sein innerstes Wesen ist unveränderlich. Und wenn die Zeiten noch so abnormal sind. Auf sein Gefühl ist ebenso Verlass, spürt er doch jede noch so kleine Witterung. Ein ehrliches Tier, das die harte Schale mehr als jedes andere Geschöpf braucht, so oft es missverstanden und verletzt wird. Selten sogar so sehr, dass man es nicht mehr wiedererkennen oder gar bemerken wird. Verkrochen in seinem Versteck, des Kampfes überdrüssig,  abgefunden mit der Rolle des Einzelgängers und der Heißblütigkeit müde.

Beängstigend. Selbst schwierig für die Königsklasse. Nicht umsonst existiert unter Kennern der Vergleich „fast so schlimm wie schweigsame Skorpione“. Denn Schweigen entspricht nicht ihrem Wesen, es dringt von außen in sie hinein. Ein Wunder, wer deren schützend vor dem verwundeten Kern klackernde, ängstliche Zangen noch zu berühren und zu besänftigen weiß. Dieser König aber wird selbst ihrem stärksten Gift Herr sein.

(Bildnachweis: Dana Jungbluth)