Wie gesund ist unsere Welt?

Persönlich halte ich die Sorge für die eigene Gesundheit für etwas Wesentliches. Ich betrachte sie in der Tat als eine unbestreitbare und höchste (aber nicht erhabenste) „Tugend“. Unter dieser Sorge meine ich in erster Linie das, worauf sie sich ursprünglich bezieht, nämlich die Körperpflege mit all dem, was dazu gehört: persönliche Hygiene, gesunde Ernährung, ein Arztbesuch bei Bedarf, wirksame Formen der Vorbeugung vor Krankheiten und vor allem regelmäßige Bewegung. Was Letzteres betrifft, wenn dies auch Wandern und Radfahren umfasst, nimmt mein Respekt für diese Formen der Sorge für die eigene Gesundheit sogar leidenschaftliche Dimensionen an. Viele Male in meinem Leben, aber besonders seitdem ich zu einem extrem sitzenden Lebensstil verurteilt worden bin, konnte ich mich selbst von der immensen und unschätzbaren Nützlichkeit regelmäßiger und methodischer körperlichen Aktivität überzeugen. In der Tat kann ich ohne zu zögern sagen, dass mich meine morgendliche Gymnastik, das häufige Spazierengehen und Radfahren gerettet haben – wenn nicht aus einem Krankenhausbett oder gar einem Rollstuhl, dann sicherlich vor chronischen Kopfschmerzen, Reizbarkeit und wahrscheinlich auch vor Depressionen.

Ich habe daher nicht viel Verständnis für diejenigen, die die Bedeutung der körperlichen Gesundheit zugunsten von Fantasien über „wichtigere Dinge im Leben“ herunterspielen. Diese Spiritualisten, diese Neo-Manichäer, diese Pseudo-Platoniker, meist jüngere Menschen, die an Komfort gewöhnt sind und noch nie in ihrem Leben schwer krank waren, leben meist in der Illusion, dass es möglich ist, geistig gesund zu sein, d.h. alltäglichen Aufgaben nachgehen zu können, fähig zu sein das Leben zu genießen, denkfähig zu sein und nach der Wahrheit zu suchen, vor allem aber fähig für Kreativität zu sein, ohne dabei körperlich gesund zu sein.

Sie haben einen wirklichen und lang anhaltenden Schmerz, seine wahre Bedeutung, (noch) nicht kennengelernt: den Schrecken dessen, was das größte Genie unter den Ärzten und der größte Arzt unter den Genies, François Rabelais, im 16. Jahrhundert als „abios bios, bios abiotos“ beschrieben hat – in einer ungefähr wörtlichen Übersetzung „Leben kein-Leben, Leben unmöglich zu leben“. (život ne život- život nemoguć za življenje)

Gesundheit ist jedoch nicht nur eine physische und mentale Realität. Sie ist auch eine soziale Realität. Mehrere bedeutende Philosophen und Soziologen des 20. Jahrhunderts haben im Detail gezeigt, wie in modernen Gesellschaften diese soziale Dimension der Gesundheit im Laufe der Zeit an Dominanz gewonnen hat. In unserer Zeit scheint das Problem der Gesundheit jedoch zu einer sozialen Realität zu werden, zum Nachteil der ersten beiden Realitäten.

Unter dem Druck der gegenwärtigen Gesundheitskrise verliert der Gesundheitsansatz fast alle Eigenschaften des Privaten, all das, was die Gesundheitsfürsorge auf den einzelnen Menschen und seine mehr oder weniger unmittelbare Umgebung beschränkt. Sie wird zu einem vollständig öffentlichen, „globalen“ Gut.

Es ist nicht unvorstellbar, dass in absehbarer Zeit niemand mehr alleine gesund oder krank sein kann. Es ist nicht unvorstellbar, dass Gesundheit bald mit dem Gesundheitswesen gleichgesetzt wird.

Die fortschreitende Technisierung, Standardisierung und Popularisierung der Gesundheit hat eine beispiellose Kollektivierung und Depersonalisierung von Patienten ermöglicht, einschließlich potenzieller Patienten – bzw. uns aller. Diese Kollektivierung und Depersonalisierung, in einer globalen Gesundheitskrise wie dieser, zeigt sehr besorgniserregende Auswirkungen.

In dieser Hinsicht sprechen einige der mutigeren Denker von heute, wie Giorgio Agamben, von „technisch-medizinischem Despotismus“ und einer totalen „Medizinisierung des Lebens“ als zunehmend real werdenden Bedrohungen.

Andere, wie die Führer der christlichen Kirchen in Großbritannien, warnen in die gleiche Richtung vor den Gefahren der „medizinischen Apartheid“ aufgrund der Einführung von Covid-Impf-Pässen.

In Frankreich, das stets führend ist, wenn es um kollektive öffentliche Aktionen in Europa geht, wurden verschiedene „RE-Informations“ – Online „Kollektive“ eingerichtet, um vor den katastrophalen Folgen der derzeitigen Gesundheitsmaßnahmen für die „soziale Gesundheit“ zu warnen.

Obwohl diese beunruhigenden Stimmen offensichtlich mit aller Kraft versucht werden, zum Schweigen gebracht zu werden, sind sie glücklicherweise immer noch hörbar und stellen wohltuende Ausnahmen innerhalb der derzeitigen Massen-Taubheit dar.

Es gibt jedoch etwas, das fast alle diese Kritikpunkte aufgrund der Umstände eher ignoriert. Es ist eine Tatsache, dass eine solche Entwicklung von Gesundheitspraktiken eng mit einer grundlegenden Änderung der Einstellungen zum menschlichen Körper verbunden ist, eine Änderung, die sich allmählich in der Erfahrung und Wahrnehmung des Körpers in Gesellschaften vollzogen hat, die sich selbst einst als christlich bezeichneten.

Verständlicherweise sind heutzutage nur wenige bereit, sich mit solch schwierigen „metaphysischen“ Fragen den Kopf zu zerbrechen, da es offensichtlich viel wichtigere Probleme gibt, die dringend angegangen werden müssen.

Wir werden später, nach der Krise, über solche interessanten Dinge nachdenken, wenn die Dinge wieder in Ordnung sind und wir uns ein wenig entspannen können. Eine solche pragmatische Haltung ist verständlich; das heißt aber nicht, dass sie gerechtfertigt ist. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Denn eine solche Einstellung ist eines der Haupthindernisse für die Lösung dieser dringenden Probleme. Ein fieberhafter Fokus, der oft mit Panik, Zahlen und Statistiken verbunden ist, ist eine Falle, die verhindert, dass man tiefer über ein Problem nachdenkt und es dann zu lösen beginnt – oder erkennt, dass es unlösbar ist und irgendwie lernt, damit zu leben.

Jede Berührung mit der Realität erfordert ein wenig Abstand, offene Augen und einen kühlen Kopf. Ohne sie wird der Mensch ungewollt in virtuellen Propaganda-Strudeln verschluckt.

Ich kann hier nicht alle durchdringenden Einsichten von Ivan Illich offenlegen, dem Mann, der sich am ausführlichsten mit der Frage des Körpers und dem Geflecht der Beziehungen zum Körper in westlichen Gesellschaften befasste, aus denen das moderne Konzept von Medizin und Gesundheit hervorging.

Ich werde nur auf seine Betonung des Schlüsselübergangs in dieser Angelegenheit hinweisen: den Übergang von dem, was er den „erfahrenen Körper“ nannte, zu dem, was er als den „diagnostischen Körper“ bezeichnete.

Um diesen Übergang zu veranschaulichen, führt Illich unter anderem ein Ereignis aus seinem Leben an. Einmal rief er einen Bekannten an, bei dem Krebs diagnostiziert worden war und der eine Chemotherapie erhalten hatte. Illich fragte ihn, wie es ihm denn gehe?

Der Bekannte antwortete, dass er ihn doch am nächsten Tag nach 11 Uhr anrufen solle, wenn die Diagnose vorliege. Dann könne er ihm sagen, wie es ihm gehe. Illich zitiert viele weitere ähnliche Reaktionen, die er von Patienten in modernen Krankenhäusern gehört hatte, die alle bezeugen, dass ein Patient, der ohne Überbleibsel in einen klinischen Patienten verwandelt wurde, die unmittelbare Erfahrung seines Körpers verliert, indem er seine Beziehung zu seinem eigenen Körper mittels von Diagnosen und durch technische Analysemechanismen bestimmt.

Die Perspektive, die uns Autoren wie Illich eröffnet haben, ist äußerst wertvoll, weil sie es uns ermöglicht, auch die gegenwärtige Situation umfassender und mit Abstand zu betrachten.

Sie ermöglicht es uns, die wirklichen Akteure hinter dem gesamten heutigen „Diskurs“ der Gesundheitsversorgung zu durchschauen.

Wenn wir uns beispielsweise auf vernetzte Apps aller Arten von „Systemen“ einlassen, einschließlich Systemen zur Förderung der richtigen Ernährung und eines lobenswerten Lebensstils, Systemen zur Förderung der richtigen Bewegung zu Hause, psychologischen Hilfesystemen, Testsystemen, Systemen zur Überwachung potenzieller Virenüberträger, Risikobewertungssystemen usw., entdecken wir hinter all diesen Mechanismen, wenn wir die Einsichten, die von einer ganzen Reihe von Autoren wie Illich, Ellul, de Certeau und Foucault kommen, verstehen, Techniken der Massengewöhnung, um das Unannehmbare anzunehmen.

Die Bedingungen, denen wir so ausgesetzt sind oder sein könnten, sind nicht erträglich. Dies sind, wie Illich sagen würde, komplexe Methoden zur Konditionierung und Auslösung mehrerer „konditionierter Reflexe“, mit denen der diagnostische Körper massiv versucht, sich in einen ERLEBTEN Körper zu verwandeln.

Und es besteht keine Notwendigkeit, hier Verschwörungen einzuführen. Das würde nur die Sicht verdecken. Das ist letztendlich nur unnötig beruhigend und in gewisser Weise vielleicht auch wohltuend.

Wie immer ist die Realität eine ganz andere und viel schlimmer als ihre Interpretationen.

Im Gegenteil, sollte anerkannt werden, dass in der heutigen beispiellosen Depersonalisierung, Dekarnation und Patientisierung der Welt Kräfte und „Systeme“ mehr oder weniger unabhängig von Einzelpersonen und Gruppen funktionieren können, unabhängig von selbst traditionellen „Machtzentren“, einschließlich klassischer staatlicher und administrativer Strukturen.

Es sollte anerkannt werden, dass das gesamte Problem, in dem wir uns befinden, in erster Linie zivilisatorisch ist. Weil sich dahinter jede Chance verbirgt, dass das, was wir heute erleben, die ersten klaren Anzeichen dafür sind, was manche Analysten heute – mit einem etwas archaischen Konzept und ohne genau zu wissen, wie sie es bezeichnen sollten – eine „technokratische Gesellschaft“ nennen.

Autor: Marko-Marija Gregorić (Ersterscheinung in kroatischer Sprache auf der Internetseite nemo casopis)

Übersetzung: Natali Tabak Gregorić

Lektur: Dana Jungbluth

(Bildnachweis: Pexels)