Propaganda gestern und heute

Nach einer geraumen Latenz, verborgen in den Ecken der intellektuellen Welt, trat mit der Massenerscheinung von „fake news“ das Thema Propaganda wieder in die öffentlichen Debatten ein. Und sie tat es durch eine breite Tür.

Über Propaganda wurde intensiv geschrieben und gesprochen, nicht nur in Internetforen und sozialen Netzwerken, sondern auch an Fakultäten, Instituten und in Ministerien.

Propaganda ist wieder Gegenstand wissenschaftlicher Studien geworden. Es werden Dokumentar – und Lehrfilme  darüber gedreht. Historiker erforschen erneut die Propagandaaktionen von Hitler, Stalin und Mao und versuchen, die heutige Propaganda in diesem Licht zu erklären.

Auf internationaler Ebene wurde sogar ein Medium zur Überprüfung von Fakten eingerichtet, das für die Aufdeckung von Datenfälschungen zu Propagandazwecken zuständig ist. Im Allgemeinen ist es klar und verständlich, dass in einer „post-faktischen“ Gesellschaft der Wert von Fakten an Bedeutung gewinnt, weil Fakten – identifiziert mit „Wahrheit“ – gefährdet  und Verzerrungen ausgesetzt sind, die sehr verheerende reale Auswirkungen in einer Welt, die vollständig virtuellen Faktoren unterliegt, haben können.

Wie dem auch sei. Der heutige globale Kampf gegen Propaganda hat eine sehr bemerkbare Charakteristik. Diese ist, dass er trotz seinem Interesse für die Vergangenheit, tiefere Studien des Phänomens Propaganda aus dem vergangenen Jahrhundert völlig ignoriert.

Er reduziert Propaganda mehr oder weniger auf „falsches Informieren“, um politische und wirtschaftliche Macht zu erlangen, und geht damit über die wichtigsten Propagandaeinsichten hinaus, die frühere Denker gewonnen haben, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dieser Problematik befasst haben.

Denn all diese Denker haben gezeigt, dass Datenmanipulation nur die gröbste, oberflächlichste und harmloseste Form der Propaganda ist. Sie haben gezeigt, dass Propaganda ein viel subtileres und viel komplexeres Phänomen ist, das mit den tieferen und grundlegenderen Strukturen der Gesellschaft zu tun hat, vor allem mit dem allgemeinen technologischen Fortschritt und seiner immer engeren Verbindung mit staatlichen Strukturen.

Jacques Ellul, der wohl größte Propaganda-Denker des 20. Jahrhunderts, hat dies in mehreren seiner Bücher besonders deutlich und ausführlich gezeigt. Sein Werk aus dem Jahr 1962 mit dem Titel “Propagandes” beginnt mit folgendem Satz:

„Echte moderne Propaganda ist Propaganda, die im Wesentlichen in die heutige Entwicklung der Wissenschaft passt.“ Ellul beschreibt dann auf 400 Seiten detailliert die Quellen, Formen und Mechanismen der Propaganda in verschiedenen sozialen Systemen und schließt mit Warnungen bezüglich „demokratischer Propaganda“ ab.

Ellul spricht von Propaganda in den Vereinigten Staaten und stellt fest, dass diese Art von Propaganda in allen westlichen Ländern, in denen der wissenschaftliche und technologische Fortschritt am ausgeprägtesten ist, allmählich dominiert. Er weist darauf hin, dass „Doktrinen“ und „Ideologien“ für Propaganda völlig nebensächlich sind.

Er stellt fest, dass Demokratie mit Hilfe von Propaganda auch zu einem Mythos wird und dass diese Transformation genau die gleichen Auswirkungen hat wie Propaganda in totalitären Regimen. Dabei zeigt Ellul mit der ihm innewohnenden Klarheit, dass die moderne Propaganda stark auf dem beruht, was er „Religion der Tatsachen“ nennt.

Diese Religion, argumentiert Ellul, ist eine grundlegende, außerideologische und nicht-doktrinäre Hochburg der „technischen Gesellschaften“, zu denen fast alle unsere Gesellschaften geworden sind.

Wenn wir die heutigen Propagandakämpfer betrachten, hören und lesen, haben wir den Eindruck, dass Schriftsteller wie Ellul nie existiert haben. Bei diesen „Faktographen“ finden wir keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Propaganda und der Entwicklung von Wissenschaft und Technologie.

Wenn sie junge Menschen dazu bewegen, Daten zu überprüfen und selbst zu denken, ermutigen sie sie auch, die neuesten Apps zu verwenden und dazu, dass sie hoch entwickelten technischen Systemen zum Sammeln, Auswählen, Überprüfen und Verbreiten von Informationen vertrauen.

Weil jemandem vertraut werden muss – dies ist, wie jeder, der  sich mit Propaganda ernst befasst hat, das Hauptprinzip aller Propagandisten. Jemandem muss vertraut werden, man muss jemandem sein Vertrauen schenken und dieser Jemand sind – offensichtlich – wir.

Deshalb ist das erste, erkennbarste und unfehlbarste Zeichen der Propaganda, keinen Abstand, keine Skepsis und keine Diskussion zuzulassen. Die „Religion der Tatsachen“, die Tatsachen in höchste und unbestreitbare Werte verwandelt, bestätigt dies klar und in vielerlei Hinsicht, selbst mit dem stillen Schweigen seiner Vertreter, dass es sich in ihrem Fall um eine Frage der Religion handelt.

Um eine Atmosphäre zu haben, die eine echte, gründliche und wirksame Kritik der Propaganda ermöglicht, ist etwas erforderlich, das sich qualitativ von der Atmosphäre unterscheidet, die durch die oben genannten technischen Systeme und die von diesen Systemen geschaffenen „öffentlichen Bereiche“ erzeugt und aufrechterhalten wird.

Denn wie Ellul bemerkt, „ist Propaganda weniger die politische Waffe eines Regimes als vielmehr die Wirkung einer technischen Gesellschaft, die den gesamten Menschen umfasst.“ Je weniger diese umfassende Propaganda „gefühlt“ wird, je subtiler sie ist und je mehr sie auf dem basiert, was Ellul als die „unbewussten Reflexe der Masse“ bezeichnet, desto mächtiger ist sie, weil sie die Illusion vermitteln kann, dass es sich nicht um Propaganda handelt, sondern um etwas, das gegen Propaganda wirkt.

Satan verkleidet sich nach seinem alten Brauch als Engel des Lichts und tut dies auch nach seinem alten Brauch unbemerkt.

Wenn Elluls Erkenntnisse auf die heutige Situation angewendet werden, zeigt sich, dass Propaganda noch nie so weit verbreitet und mächtig war wie heute.

Und es zeigt sich, dass die heutigen vielbeschäftigten Kämpfer für „Wahrheit“ gegen „Lügen“ meist nur moderne Kreuzritter der neuen absoluten Wahrheiten sind.

Autor: Marko-Marija Gregorić (Ersterscheinung in kroatischer Sprache auf der Internetseite nemo casopis)

Übersetzung: Natali Tabak Gregorić

Lektur: Dana Jungbluth

(Bildnachweis: Pexels)