Egalitarismus heute?

Auch ohne sich eingehender mit dem Problem zu befassen, scheint es  offensichtlich, dass Egalitarismus und Demokratie eng miteinander verbunden sind. Geschichtlich betrachtet, sind sie das allemal. Kein Experte wird das verneinen; ganz im Gegenteil. Alle werden mehr oder weniger zustimmen, dass die Idee der sozialen Gleichheit, wie sie in der Unabhängigkeitserklärung und im Motto der Revolution formuliert ist, die Grundlage einer demokratischen und keiner anderen Ordnung ist: In anderen mag es Hinweise auf Egalität gegeben haben, aber in keiner von ihnen war sie oder könnte sie das Leitprinzip sein.  Die ganze Angelegenheit wird durch die Verbindung der Demokratie mit dem Liberalismus sowie insbesondere durch die historische Radikalisierung des Egalitarismus im undemokratischen Kommunismus sehr kompliziert.

Dennoch bleibt die Verbindung zwischen der sozialen Idee von Gleichheit und Demokratie  bestehen. Es ist weder zufällig noch unbegründet, dass der größte lebende Denker der Demokratie, Jacques Rancière, Demokratie nur mit Egalitarismus identifiziert und wahre Demokratie als „praktisches Auftauchen“ der Gleichheit in einem bestimmten Kollektiv zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet.

Das egalitäre Prinzip hat in den letzten Jahrzehnten jedoch eine besondere und interessante Entwicklung erfahren und erreicht derzeit eine Art transformativen Höhepunkt. In der gründlichen und universellen Transformation von Gesellschaften wurde dieses Prinzip logischerweise transformiert und zeigt nun neue Eigenschaften. Die wichtigste und auffälligste Veränderung in dieser Hinsicht ist, dass sie sich von etwas, auf dem eine radikale Kritik der Gesellschaft und ihrer Ungerechtigkeiten fast ohne Rest beruhte, in ein Konformitätsprinzip und eine Säule sozialer Kontrolle verwandelt hat. Im Namen von Égalité fördern die heutigen Egalitaristen zunehmend verschiedene Formen ideologischer und sozialer Spaltungen und unterstützen zunehmend offen staatliche Kontrollmechanismen, einschließlich der Zensur, Dämonisierung und sogar Kriminalisierung von Andersdenkenden, die eklatanteste „Konsens-Herstellung“. Ihre Aktivität in den Medien, auf die sich ihr Engagement heute aufgrund der Umstände reduziert, bestätigt dies deutlich, sodass dieser Grundsatz unglaublich bedeutsam wird.

Beispielsweise ist der kürzlich vom renommierten Medienhaus Arte veröffentlichte Film La fabrique de l’ignorance (Die Fabrik der Unwissenheit) ein klares Beispiel für technowissenschaftliche Propaganda.  In diesem Film wird „Wissenschaft“ auf essenzialistische Weise als etwas dargestellt, das nicht das Produkt der Gesellschaft und der sich verändernden sozialen Beziehungen ist, sondern der einzige Ausdruck des „unendlichen Wissensbedürfnisses des Menschen“ ist.  Die Gesellschaft möchte diese Wissenschaft hauptsächlich unterdrücken (in der Vergangenheit war das die Kirche) oder für ihre unehrenhaften Zwecke ausbeuten (in der heutigen Zeit der Markt). Dementsprechend werden Techniker-Wissenschaftler als Heilige und Priester dieser neuen Religion dargestellt.

Hierbei sollte niemals vergessen werden, dass immer hinter irgendeiner Andeutung auf etwas „unendliches“, Religion steckt, egal worauf auch immer sich dieses Adjektiv bezieht. Besonders aber, wenn das Substantiv, auf das es sich bezieht, ein ebenso mächtiges Wort wie „Wissen“ ist.

Grundsätzlich scheint dieser Film mit der Absicht gedreht worden zu sein, alle Thesen über Propaganda von Jacques Ellul zu bestätigen: Perfekte technische Produktion, überlegene „Szenografie“, meisterhafte Blickwinkel, dramatische Musik kombiniert mit großartigen visuellen Effekten, um gute und schlechte Charaktere zu kontrastieren, versteckte Botschaften, sorgfältig eingefügte Suspensionen, hypnotische Erzählungen. Es ist alles da.

Man könnte sich fragen, was dies mit Egalitarismus zu tun hat. Aber das hat es, gerade wegen der oben erwähnten Transformation und der oben erwähnten Umkehrung der egalitären Idee. Dieser grundlegende Wandel ist eine direkte Folge der allgemeinen Technisierung der Gesellschaften und ihrer fragmentarischen Wirkung, der Zerstörung aller stärkeren sozialen Beziehungen, aber auch mit Hilfe der Propaganda der ideologischen und mentalen Zwietracht, zu der sie führt. Wie ich bereits irgendwo geschrieben habe und auf Chestertons berühmtem Scherz über verrückt gewordene Ideen aufbaue, entsteht das Problem mit dieser Art von Idee wie Gleichheit, wenn sie sich von anderen Ideen löst, wenn sie unabhängig wird, wenn sie sich in eine Art Absolut verwandelt.

Nach dem Motto der Revolution, das von links nach rechts gelesen werden sollte, wenn es Sinn machen soll – weil es so von denen gelesen wurde, die es geschaffen und praktiziert haben -, bildet Gleichheit das Bindeglied zwischen Freiheit und Brüderlichkeit. Gleichheit, der keine Freiheit vorausgeht und die nicht auf Brüderlichkeit abzielt, ist die schlimmste Art von Tyrannei. In dieser Hinsicht könnten Kierkegaards Kritik an jeglichem Egalitarismus und seine Verurteilung der „Einebnung“ immer noch sehr relevant sein. Aber die Situation wurde noch schlimmer, als sie sich verallgemeinerte.

In dieser erobernden sozialen Fragmentierung, in dieser globalisierten Egalitarisierung, die immer ausgefeiltere und gewalttätigere Propagandamechanismen anstrebt, alles bis zur Gleichsetzung einzuebnen, wobei nur die Unterschiede toleriert werden, die keine wirklichen Unterschiede sind und die große Allgleichheit nicht bedrohen können, wird die Geschichte der eigentlichen Demokratie in Frage gestellt. Dies mit dem klangvollen Wort „Solidarität“ zu überziehen, hilft wenig. Bei dieser Transformation, bei dieser Umkehrung ist der Schlüsselfaktor sicherlich der angeborene unkritische Glaube des Marxismus an Wissenschaft und Technologie. Und die heutigen Progressiven sind vorwiegend Marxisten oder Kryptomarxisten.

Im Allgemeinen wird es immer weniger möglich, progressiv ohne marxistisch oder kryptomarxistisch zu sein – und zwar nicht wegen des primitivierenden Einflusses reaktionärer „Populisten“, wie uns Progressive überzeugen wollen, sondern wegen des subtilen Einflusses ihrer eigenen intellektuellen Eliten.

Die vollkommen technisierte Wissenschaft, die in der Wissenschaft vergötterte Wissenschaft mit ihren Dogmen und ihrer Seelsorge, ihrem Priestertum und ihren Sakramenten ist, kann nicht nur nicht das Fundament einer demokratischen Gesellschaft sein, sondern behindert auch weitgehend ihre Schaffung. Und damit stellt sie auch folglich den gesamten Mythos der guten und bösen Jungs in Frage, auf dem die Cowboy-Version der Demokratie beruht. So besteht die Gefahr, dass diese Cowboy-Version der Demokratie zur einzig legitimen und einzig erreichbaren Version von Demokratie wird.

Autor: Marko-Marija Gregorić (Ersterscheinung in kroatischer Sprache auf der Internetseite nemo casopis)

Übersetzung: Natali Tabak Gregorić

Lektur: Dana Jungbluth

(Bildnachweis: Pexels)