Das Masken-Selfie

Das gute alte Selfie. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die ersten Fotohandys, bei denen wir für ein Selbstporträt die Geräte noch umständlich umdrehen mussten. Ein mühseliger Akt bis zum akzeptablen Motiv. Heute ist das anders. Jedoch nach wie vor mühselig, bedenken wir die zahlreichen Anläufe bis zum perfekten Duck-, Surprise- oder Whatever-Face. Aber dennoch, wir können direkt sehen, wie das Endmotiv womöglich aussehen könnte, wenn da nicht doch noch etwa eine Haarsträhne falsch liegt, das Dekolleté nicht gut genug zur Geltung kommt oder man eben einfach so aussieht wie man aussieht.

Es ist natürlich eine feine Sache. Ein kleiner persönlich-virtueller Gruß vom Spaziergang, der Reise oder dem Konzert aus. Mache ich selbst ab und an gern, schaue ich auch ab und an gern. Find ich nett. Und klar, das Posen vor dem Weihnachtsbaum, dem Abendessen, im Karnevalskostüm oder in illustrer Runde darf dabei natürlich nicht fehlen. Und der Beautyshot, of course, mit dem wir zu suggerieren beabsichtigen, so bereits nach dem Aufstehen und sowieso eigentlich immer auszusehen. Die ein oder andere Challenge oder das Social-Media-Profilbild verziert mit einem beliebigen Statement runden die Flut der Selbstinszenierung ab.

Wer aber hätte gedacht, dass der Tag kommt, an dem man sich ernsthaft nach Duckface & Co. zurücksehnt? Er ist jedoch da. Spätestens seit diesem Montag. Ein jeder, der das dringende Bedürfnis verspürt, sich fröhlich lächelnd – zu sehen an den Lachfalten um die und dem Glitzern in den Augen – fast schon stolz mit Mundschutz-Masken darzustellen. Auch Community-Masken oder seitens der deutschen Bundeskanzlerin Virenschleudern genannt. Aber das ist ein anderes Thema, jetzt, wo es Pflicht ist. Ich frage mich, ob die zahlreichen glücklichen Maskenposer eigentlich mitbekommen haben, wofür diese aktuell getragen werden (müssen)? Selbst diverse Medien baten ihre Leser um die Einsendung solcher Motive. Bei Medizinern, die auf ihre aktuelle Rolle aufmerksam machen möchten – Verständnis. Bei denjenigen, die damit schon zu Beginn der Krise für Möglichkeiten der Rücksichtnahme und Mithilfe sensibilisieren wollten – Verständnis. Für Politiker, die mit gutem Beispiel vorangehen oder sich eben gleichermaßen den Regeln fügen wie der gemeine Bürger – Verständnis. Für diejenigen, die damit etwa auf lustige Art und Weise zur Aufmunterung beitragen wollten – ebenfalls Verständnis. Und auch für die zahlreichen fleißigen Damen, die unsere Gesellschaft mit dem Nähen etlicher Masken unterstützen, habe ich Verständnis für das Ablichten mit ihren hübschen Alternativen zum sterilen Medizinermodell.

Was mir hingegen absolut unbegreiflich ist, ist das freudige Posen mit diesen Masken, als wäre es der neueste Modeschrei. Weder sieht es attraktiv aus, noch zeigt es ob der Pflicht eine hervorstechend solidarische Haltung, noch ist der Hintergrund hier ein besonders lustiger. Es ist einfach nur sau dämlich, diese beängstigende Anonymität in der Öffentlichkeit auch noch im derzeit einzigen, eben digitalen Austausch, fortzuführen. Noch mehr, zwängt man die eigenen Kinder noch belustigt in diese neue Art der „Community“.

Ja, zum ersten Mal zeigen sich die Menschen virtuell gerade, wie sie tatsächlich derzeit ausschauen. Und ja, ertappt. Ich will es nicht sehen. Nicht einmal in meinen verrücktesten Träumen hätte ich es für möglich gehalten, jemals sagen zu müssen: Ich will den Instaglam zurück! Bitte bringen Sie doch wieder mit Ihren diversen komischen Schnuten Leben in diese ohnehin schon triste Zeit des Social Distancing. Zeigen Sie endlich wieder Gesicht! Für eine hoffnungsvolle, authentisch fröhliche und zuversichtliche Gesellschaft, die hinter den Mauern der Ausgangsbeschränkungen nicht noch zusätzliche im Gesicht errichtet.

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