Gespalten im Denken, vereint in den Tod

Liebe Nazis, liebe Linksgrünversiffte, liebe Klimaleugner und -retter, liebe Populisten, liebe Gutmenschen, liebe verstummte Mitmenschen! Ich erlaube mir eine Ansprache im generischen Maskulinum. All jenen, die sich nun diskriminiert fühlen, sei gesagt, dass dieser keinen einzigen Menschen ausschließt. Wer das anzweifelt, möge das Problem bei sich selbst finden, sich alternativ eben mithilfe der feministischen Linguistik meiner Zeilen annehmen. Viel Freude dabei.

An dieser Stelle müsste dieser Artikel eigentlich enden, beschreibt er doch bereits hinreichend unsere erkrankte Gesellschaft. Erkrankt an Ängsten, Ideologien, Streitsucht, blindem Aktionismus, Propaganda für die einzig wahre Wahrheit und nicht zuletzt an Verzweiflung. Zusammen bilden wir einen Haufen pathologischer Einzelfälle. Immerhin etwas, das wir gemein haben. Krankhaftes Verhalten in einem krankhaften Zustand. Super, das ist doch ein Ansatz.

Zugegeben. Auch mich stimmt diese dauerhafte, scheinbar immer schlimmer statt besser werdende miese Stimmung in unserem einst recht netten Land nicht gerade positiv. Um ganz genau zu sein, sie kotzt mich ziemlich an.

Die einen maulen rum, weil wir nicht unverzüglich jeden Menschen vor dem Ertrinken retten, schauen derweil jedoch selbst dabei zu. Die anderen wiederum darüber, dass Deutschland kriminelle Deutsche aus dem Ausland zurückholt, während aber kriminelle Ausländer bitteschön das Land zu verlassen haben. Ja was denn nun?

Ja, auch ich beherrsche die Rummotzerei. Und das im ganz großen Stil. Doch, da bin ich gut drin. Ich bin aber auch Deutsche, also so richtig, mit deutschen Eltern und so. Ich kann das. Mir wurde das Motzen quasi in die Wiege gelegt. Ist es zu kalt und regnerisch, ist das scheiße, zu heiß und schwül ist wiederum auch scheiße. Das neue Handy, mein Outfit für die nächste anstehende Hochzeit und mein Kontostand könnten auch besser sein. Erkältet sind wir hier auch alle ständig. Zwar leben wir noch, aber trotzdem, scheiße, scheiße, scheiße.

Ich glaube, niemand wünscht ernsthaft den massenhaften Import von Messerstechern, ebenso wie niemand möchte, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken oder wir unsere Mutter Erde, auf der wir lediglich zu Gast sind, schädigen. Ich nehme hierbei jetzt absichtlich auch keine Minderheit von Idioten aus, die vielleicht irgendwo im Netz mal was widersprüchliches diesbezüglich gesagt hat. Ich führe es schlicht auf die eingangs erwähnten pathologischen Ursachen zurück. Nein, ich glaube, selbst jene wünschen sich letztlich ebenso wie der Rest, in Frieden zu leben. In einer gut funktionierenden Gemeinschaft. Wir hegen also durchaus Gemeinsamkeiten, nur schauen wir nicht mehr hin, sondern lediglich darauf, wo beim anderen die Prioritäten liegen. Dabei ist dies sekundär! Alle Prioritäten in einem Topf ließen sich gemeinsam besser lösen, als bloß darum zu streiten, was zuerst, als einziges oder gar nicht gemacht wird.

Da wird vor den Wahlen stets von allen erdenklichen Seiten auffällig viel darüber gesprochen, warum wir die jeweils anderen nicht wählen dürfen, anstatt den potenziellen Wählern glaubhaft darzulegen, warum wir aber ausgerechnet diese oder jene Partei wählen sollten. Überließe man den Bürgern selbst mal wieder das Denken, dann klappte es auch mit den Wahlen und man nähme Politiker und Mitmenschen aller Richtungen auch wieder ernst. Aber Ernsthaftigkeit lässt stark zu wünschen übrig in diesen Zeiten. Nein, es wird gestritten wie im Kindergarten und es zieht sich bis in den engsten Familienkreis hinein. Ja sind wir denn alle bescheuert? Wofür kämpfen wir denn überhaupt, wenn ohnehin jeder für sich kämpft? Und ist es überhaupt ein Kampf, den wir führen oder vielmehr ein hysterisch streitendes Gerenne gen Abgrund? Was hält uns zusammen? Der gemeinsame Sinn für’s Motzen, fürchte ich.

Immerhin erkennen wir alle, dass in unserem Land etwas nicht mehr stimmig und aus den Fugen geraten ist. Wir alle sind über einige Dinge verärgert, extrem beunruhigt und unzufrieden ob der herbeigesehnten, noch fehlenden Lösungen. Es geht uns allen gleich, wir sitzen alle im selben Boot. Der eine jedoch hat größere Angst, von einem Hai gefressen zu werden, der andere hingegen fürchtet eher das Ertrinken. Wen letztlich welches Ende ereilen wird, kann jedoch niemand der beiden voraussagen. Schaukeln wir weiter hin und her oder sorgen wir Passagiere endlich für die nötige Balance, wenn schon der Kapitän nicht mehr dazu imstande ist? Er steht einfach da und macht Ängste für die missliche Lage verantwortlich, während das Boot immer maroder wird und allen Passagieren den sicheren Tod garantiert. Halten wir uns an den Händen und bewahren uns vor dem Ertrinken und dem Haiangriff, anstatt uns gegenseitig ins Wasser zu schubsen. Wo ist der Überlebenswille unserer Gesellschaft? Die Besatzung hat ihr Floß. Lieber sterben wir also, als uns zu retten? Jetzt, wo wir die Möglichkeit haben, einander unmittelbar vor dem Ertrinken zu bewahren, tun wir es nicht? Die Haie werden sich freuen. Und wir, die wir alle den Märtyrertod gestorben sind, haben die Überzeugungen mitgenommen ins Jenseits. Da wird niemand mehr sein, der sie für uns durchsetzen wird. Dies macht uns zu Neo-Märtyrern. Wir sind nicht bereit einen heldenhaften Tod für unsere innersten Überzeugungen zu erleiden, lieber reißen wir Angsthasen einfach alle mit hinein, in den einzig wahren Märtyrertod. Selbst diesen versuchen wir den Andersdenkenden noch aufzuzwingen. Wie trotzig. Nach uns die Sintflut. Oder die Haie. Eines jedenfalls ist sicher und darf uns aufatmen lassen: Den von Greta prophezeiten Weltuntergang werden wir alle nicht erleben, wenn das so weitergeht.

Mit einer gesunden Portion pathologischen Zynismusses lässt sich meine Besorgnis und Unzufriedenheit um unser schönes Deutschland übrigens meist ganz gut aushalten.

(Bildnachweis: Pexels)